Noch nicht mehr by Per Leo

Noch nicht mehr by Per Leo

Autor:Per Leo
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Ruhrgebiet, Bergbau, Philosophie, Wandel, Kohlekumpel, Zeche, Ruhrpott, Metropole Ruhr, Metropolschreiber Ruhr
Herausgeber: Tropen
veröffentlicht: 2023-08-17T00:00:00+00:00


Die Schul von Essen

Mit der Geschichtsphilosophie waren auch die Akteure der regulierten Moderne, die Großverbände und Organisationen der Industriegesellschaft, ins Wanken geraten. Im Ruhrgebiet allerdings bäumten sich diese Riesen 1978 noch einmal so mächtig auf, dass man kaum merkte, wie schlecht es um sie stand. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte das korporative Interessengeflecht seinen Niedergang dank satter Staatshilfe erfolgreich verwaltet. Doch 1975, gerade als das Konsolidierungskartell der Ruhrkohle AG mit dem Kohlepfennig die Zukunft der verbleibenden Zechen gerettet zu haben schien, begann die weltweite Stahlkrise – und mit ihr das Ende eines Sozialidylls, das die Region so lange in trügerischer Sicherheit gewogen hatte.[1] In den kommenden drei Jahren wurden in den Hüttenwerken 41 000 Stellen gestrichen. Um den bedrohlichen Trend aufzuhalten, hieß die neue Zauberformel der Gewerkschaften: Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Und so sah man an der Ruhr plötzlich etwas, das es dort seit 1928 nicht mehr gegeben hatte: streikende Stahlkocher, unversöhnlichen Arbeitskampf. Zunächst schien es, als sollte die IG Metall mit ihrer Streik-Kampagne für die 35-Stunden-Woche die Arbeitgeber überrumpeln. Doch kurz vor Weihnachten hatte sich auch die Gegenseite formiert. Der Spiegel berichtete:

Egon Overbeck, Vorstandschef des Stahlkonzerns Mannesmann AG, erinnerte sich an alte Zeiten. Der Streik sei eine Art »Angriff« und müsse »zurückgeschlagen werden«, feuerte der frühere Berufsoffizier die Kollegen des Arbeitgeberverbandes der Stahlindustrie an. Über Marschroute und Entschlossenheit des Verbandes dürften Zweifel gar nicht erst aufkommen: »Nicht kleckern, klotzen.«

Auch als einige seiner Zuhörer auf der Mitgliederversammlung des Stahlverbandes die Erfolgsaussichten dieser Taktik in Frage stellten und darauf hinwiesen, daß die deutschen Militärs mit dieser Devise zuletzt, vor 33 Jahren, nicht weit gekommen seien, blieb der Major im Generalstab a. D. unnachgiebig: »Wir haben zwar den Krieg verloren, aber viele Schlachten gewonnen.«

Mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit wollte der Stahlmann seine noch zögernden Kollegen überzeugen, daß der Streik der Stahlkocher mit Aussperrungen beantwortet werden müsse. Overbeck setzte sich durch. Am Freitagmorgen um sechs Uhr standen 29 000 Stahlkocher in den Werken von Hoesch, Klöckner, Krupp, Thyssen und Mannesmann vor verschlossenen Toren: Der Arbeitskampf an der Ruhr trat in seine zweite, entscheidende Phase ein.[2]



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